Glücklich bin ich schon in dem Moment,wo ich endlich in der S-Bahn sitze in Richtung Marienplatz. Ich habe ein paar Stündchen Zeit, bis ich mir mein hoffentlich baldiges Zimmer im Westend ansehe. Ich schlendere durch mein altes Revier sozusagen – Amalienstrasse in Schwabing – hier setze ich mich auch in ein neues Café und genieße deutsche Magazine, und versuche mich nach vier Monaten Südafrika wieder an das „Deutsche“ zu gewöhnen.
Wundern muss ich mich etwas über die Anzeigetafeln in den U-Bahn-Stationen, die Quiz-Fragen aufwerfen, wie: „Wieviel CO² Ausstoß spart man in einem Jahr, wenn man Biobrot ist?“ Und dann hat man die Auswahl zwischen 1, 6, oder 12 kg. Sag’ a mal – geht’s noch? Das ist alles, was mir spontan dazu einfällt.
In Kapstadt musste ich mich vor nicht allzu langer Zeit in meinem Lieblingscafé einer Diskussion hingeben über Klimaveränderungen. Ich sitze ahnungslos auf meinem Lieblingsplatz am Fenster – dort hat man den Blick auf den Tafelberg – und ich hatte eine Stunde Zeit, um meine E-Mails abzurufen und zu beantworten. Neben mir setzte sich ein ca. 50jähriger Mann – wie sich dann heraus stellte, ein Klimaforscher aus Polen, der lange in Deutschland gearbeitet hatte. Er erklärte mir dann ausgiebig – ungefragt wohlgemerkt – auf Englisch, dass es keine Beweise dafür gäbe, dass die Umweltverschmutzung Auswirkungen auf die klimatischen Veränderungen hätte, und das hätte damit zu tun, dass sie als Wissenschaftler keine Vergleichsdaten hätten. Sie sammeln also Daten, aber sie haben keine historischen Vergleichsdaten, auf die sie zurück greifen können. Und er bestritt die Existenz der DNA-Aminosäuren-Kette, weil das angeblich noch niemand tatsächlich gesehen hätte. Nun ja, ich bin kein Wissenschaftler – weit davon entfernt, aber ich kann mich schon an Abbildungen in den Biologiebüchern der menschlichen DNA erinnern, und da die Chemiker ja ihre Orbitalmodelle haben, um chemische Verbindungen, die man ja auch nicht „sehen“ kann, darzustellen, fand ich seine Einstellung schon ein bisschen extrem. Ich muss es positiv sehen, wir hatten kein zweites Gespräch und dafür bin ich dankbar (und dass, obwohl ich sehr regelmäßig in meinem besagten Lieblingscafé aufgetaucht bin).
Ach ja, und dann gibt es doch beim Hugendubel tatsächlich Bücher zum Verkauf über die angebliche Lieblingsbeschäftigung der Deutschen – „Das Nörgeln“. Sollten wir uns nicht mit positiven Dingen beschäftigen? Das ist mir wirklich aufgefallen, die Deutschen – wenn ich das jetzt mal so verallgemeinern darf – lachen viel zu wenig. Sie lassen sich gerne anstecken – ich habe durchaus das eine oder andere Lächeln geschenkt bekommen, weil ich glücklich strahlend wie ein Honigkuchenpferd durch meine zukünftige Heimatstadt spaziert bin!
Zur Mittagszeit habe ich mich dann in den Fünf Höfen (Theatinerstraße) zu meinem Lieblingsitaliener [Bar Comercial] gesetzt, weil ich dort wenigstens a bisserl Italienisch praktizieren kann. Es tröpfelte leicht, allerdings war es drinnen so heiß und proppenvoll, dass ich mich nach draußen gesetzt habe. Glücklich wohlgemerkt. Habe mir eine Pizza prosciutto e carciofi (mhhhhh) bestellt und mich sehr gewundert, als ein junges Paar etwas unentschlossen stehen blieb, und das Mädel dann zu ihrem Freund sagte: „Ach, nee – es regnet ja, lass uns woanders hingehen, ich mag nicht draußen sitzen!“ Ich dachte eigentlich, aufgrund des eher schlechten und kühlen Wetters in Deutschland die „Einheimischen“ eher abgehärtet sind, stattdessen erlebe ich „italienisches“ Prinzessinnengehabe.
Der Kleidungsstil in München ist eher geschäftlich orientiert bis très chic – nun ja – ich habe da wohl weniger geglänzt – mich haben meine südafrikanischen Surferboots (Jeffries Bay) durch München getragen, und generell war das eher lässig mit kurzer brauner Lederjacke und meiner Umhängetasche. Es ist ja immer der Kontrast, der einen interessant erscheinen lässt.
Im Starbucks am Odeonsplatz sitzen junge Menschen, so schön wie aus dem Katalog. Modelgesichter, teure Kleidung und mit Anfang Zwanzig schon eine Arroganz, wie sie nicht besser zu dieser perfekten Schönheit passen könnte.
Was mir gut gefällt, ist das man ein bisschen italienisches Flair vorfindet in den verschiedenen Cafés – z.B. im „La Stanza“ im Lehel – dort bekommt man ausgezeichneten Cappuccino und gute Brioches. Die Gespräche, das ist mir auch aufgefallen, drehen sich viel um Geld und materielle Dinge. Aber vielleicht hat jede Stadt so seine speziellen Themen. In Kapstadt geht es viel um’s Ausgehen und die Freizeit im Allgemeinen, was man am Wochenende unternommen hat, welche Plätze/Strände man besucht hat. In Italien spricht man über Fußball, Rezepte, die Nachbarn und die Liebe!
Was ich auch befremdlich fand, ist das Siezen. In Italien gibt es zwar diese Form, aber wenn man (wie ich) auf dem Land lebt, dann duzt man sich – und in Kapstadt duzen sich alle aufgrund der englischen Sprache. Im Museum hat man mich sogar mit „Madame“ angesprochen. Ehrlich gesagt, habe ich mich alt gefühlt, und nicht geehrt.
Ich habe in München gleich Kultur genossen, und habe mir das Museum Brandhorst angesehen – das erste Bild ist gleich ein Warhol – „Hammer and Sickel“ – mein erster Andy Warhol – wobei das Museum voll davon ist. Das Gebäude hat mir von außen sehr gut gefallen, die Ausschreibung hat damals ein deutsch-britisches Architektenbüro [Sauerbruch & Hutton] damals noch aus London [mittlerweile Berlin] gewonnen. Außerdem habe ich das erste Mal ein Werk von Damien Hirst begutachten dürfen.
Allerdings hatte ich noch nicht genug, und bin später noch in die Kunsthalle gegangen – in den Fünf Höfen wiederum – „Realismus – Das Abenteuer der Wirklichkeit“ – dort konnte ich dann das erste Mal einen Edward Hopper bewundern. Soviel Kultur auf einmal!
Schwierigkeiten hatte ich dann noch, in den richtigen Bus zu steigen – ich war angespannter, als wenn ich in Kapstadt alleine in die Innenstadt gefahren bin – aber das werde ich wohl wieder lernen müssen. Öffentliche Verkehrsmittel habe ich die letzten dreieinhalb Jahre nicht genutzt, und wahrscheinlich entwickelt man da auch eine bestimmte Intuition, die mir momentan noch fehlt. Ich hatte jedenfalls das Gefühl, dass mich München mit offenen Armen aufgenommen hat, und ich freue mich schon aufs nächste Wiedersehen!