Warum Italien?
Das ist die Frage, die ich selbst von in Italien lebenden Deutschen immer zuerst gestellt bekomme. Für den Italiener an sich, ist es keine Frage, warum. Italien ist schließlich der Mittelpunkt der Erde, no?
Hier lässt es sich gut leben, gutes Essen, beste Zutaten, schöne Landschaften, Seen und das Meer – wo sonst sollte man leben wollen? La vita e bella! Das Leben ist schön und die Liebe ist ein einziges nicht endendes Theaterstück mit aller Dramatik und Leidenschaft! Auch die Liebe zum eigenen Land.
Bel paese mit all seinen Vor- und Nachteilen. In Italien ist die Bürokratie ein selbst produziertes Chaos – manchmal mit vorgegebenen Prozessen, manchmal ohne. Das kommt immer darauf an, ob das Gegenüber gefällt oder nicht. Aber wer braucht schon Bürokratie oder eine Regierung? Pah, wir regieren uns doch selbst . Jeder wurschtelt herum und wirtschaftet in seine eigene schwarze Tasche, wo immer sich eine Möglichkeit ergibt.
Berlusconi verzeiht man all seine – leider öffentlich ausgetragenen – Fehler, als sei es das eigene unerzogene Kind.
Auf der einen Seite sind hier alle streng katholisch, auf der anderen Seite ist es völlig normal, wenn Männer neben ihrer Ehefrau noch eine oder gar mehrere Geliebte haben. Auch die Frauen sind oft sehr vorausschauend. Sie heiraten oft einen Mann, der ihnen finanzielle Sicherheit bieten kann, und behalten die große Liebe ihres Lebens einfach als Geliebten.
Das erklärt auch die anderthalb „telefonini“ (Handys) pro Kopf in Italien. Die meisten Männer, mit denen ich eine Beziehung hatte, hatten mehr als ein Handy, und da wundert man sich schon warum. Italienische Männer haben zwar die außerordentliche Gabe, einer Frau das Gefühl zu geben, die Einzige auf dieser Welt zu sein, die Realität sieht jedoch meistens anders aus.
Telekommunikation ist an sich auch ein leidvolles Thema. Im Jahre 2007 war ein Internetanschluss zumindest hier auf dem Land noch eine absolute Neuheit. In Kurzform, die Kommunikation mit der Telecom Italia war eine einzige Katastrophe, und das was ich durch machen musste, wünsche ich meinem ärgsten Feind nicht an den Hals.
Mir wurde immer wieder aus allen möglichen Gründen die Internetleitung für einige Wochen abgestellt, Entschädigung hat man dafür nie bekommen – eine Umstellung vom Privat- auf Geschäftsanschluss geht mit einer Abstellung des Internetanschlusses für einen Zeitraum von drei Monaten einher. Andere Anbieter können einfach über den Anschluss verfügen, und behaupten man sei nun bei ihnen Kunde und die Telecom Italia überprüft eine solche Aussage noch nicht einmal beim eigenen Kunden auf dessen Wahrheitsgehalt.
Gerade jetzt wollte ich meinen Geschäftsanschluss kündigen, habe dies unter Einhaltung der Frist auch getan, dann erhalte ich nach ca. zehn Tagen einen Anruf von einer Dame, die mich gebeten hat, diesen Brief Mitte März erneut zu schicken, da sie die Anschlüsse nur innerhalb einer 14-Tages-Frist abstellen können. Die Armen haben wohl noch nie etwas von Wiedervorlage gehört! Und ich habe noch Glück gehabt, weil man mich angerufen hat – als Privatkunde hätte man mir einfach die Leitung gekappt und ich hätte da gesessen!
Seit drei Jahren lebe ich nun am Westufer des Gardasees – in einem kleinen Ort, nicht weit weg von Salo. Salo war übrigens unter Mussolini die kleinste Republik Italiens.
Im Jahre 1992 bin ich das erste Mal in diesen kleinen Ort gekommen. Für ein Wochenende, nach bestandener Führerscheinprüfung. Es zwar zwar Ende Januar, aber diese Landschaft hat mich völlig vereinnahmt. Wenn man aus dem kalten winterlichen Deutschland an den Gardasee kommt und diese atemberaubende Küstenstraße am See entlang fährt, ist man in einer anderen Welt. Palmen stehen am Straßenrand, alte Palazzi versprühen den Charme vergangener Tage, die Sonne scheint, der See ist dunkelblau. Es war sozusagen Liebe auf den ersten Blick. Seit diesen 18 Jahren habe ich endlose Wochenenden, Urlaube, und mittlerweile auch Jahre in diese andauernde Liebesgeschichte investiert. Und es trotz vieler Widrigkeiten, auch Sprachschwierigkeiten zu anfangs, kann ich dem Charme Italiens nicht widerstehen.
Am meisten genieße ich kleine Momente und Erlebnisse. Einer Freundin und ihrer unglücklichen Liebesgeschichte mit einem eifersüchtigen Italiener zuzuhören. Zu beobachten, wenn ein junger Mann von seiner Vespa steigt, um seine „fidanzata“ mit einer schwungvollen Umarmung zu begrüßen. Alte Ehepaare, die am See spazieren gehen, und sich an der Hand halten. Eine Gruppe von Freunden aus der Schulzeit, die in „ihrer“ Bar mit dem barista lebhaft über Fußball streitet. Die Sonne, die sich auf dem See spiegelt und die ganze Landschaft in einem einzigen Moment von trist zu wunderschön verwandelt. Die Wasserfarbe verändert sich von grau zu dunkelblau, die Bäume von graugrün zu einem kräftigen Grün. Nichts zaubert so schnell ein Lachen auf die Gesichter, als die Sonne, die an einem tristen Wintertag doch noch hervor kommt.
Ich weiß, dass ich diese große Liebe meines Lebens verlassen muss, um meinem Traum zu folgen. Wie sagte schon Goethe, der sich auch von der Schönheit des Gardasees einfangen ließ: „Was immer du tun kannst oder erträumst zu können, beginne es. Kühnheit besitzt Genie, Macht und magische Kraft. Beginne es Jetzt!“